Kultur- und Sozialanthropologie

Friday, January 13, 2006

1. Essay: Spätfunktionalismus und Marxismus

Fragestellung

Welche neuen Schwerpunkte setzten die nachfolgenden Generationen der funktionalistischen Schule? Wie sind die neuen Fragestellung mit vorherrschenden politischen und gesellschaftlichen Prozessen jener Zeit in Bezug zu setzten?


Anthropologischer Kontext

In der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen bildete sich aus der Kritik der Feldforschung der britische Funktionalismus. Funktionalismus ist die Betrachtung soziokultureller Erscheinungen unter dem Gesichtspunkt ihrer Funktion. [1] Im Gegenzug zum Evolutionismus werden historische Hintergründer vollkommen außer Acht gelassen.

Die Begründer dieser Strömung sind Malinowski (1884-1942) und Radcliffe-Brown (1881-1955). Malinowskis revolutionäres Konzept der Feldforschung oder „Teilnehmende Beobachtung“ wurde zu dem Grundbaustein unseres Faches. Während sich Malinowski starr mit den Funktionen innerhalb einer Gesellschaft beschäftigt, stützt sich Radcliffe-Brown auf das Durkheim’ische „segmentäre Modell“, d.h. die Gesellschaft ist klar strukturiert und die Struktur wird aus einzelnen Segmenten (Funktionen) gebildet. Seine Richtung wird Struktural-Funktionalismus genannt.

„However, functionalist methodology remains the basis of anthropological fieldwork. As Edmund Leach used to say, all anthropologists are functionalists when in the field,…”.[2]

2.Generation des Funktionalismus

In Bezug auf den modernen Funktionalismus sind Edward E. Evans-Pritchard (1902-1973), Raymond Firth (1901-2002) und Meyer Fortes (1906-1983) zu erwähnen. Sie hatten eine Sympathie zum Anarchismus und Marxismus und waren aus diesen Gründen sehr an dem Ordnungssystem akephaler Gesellschaften interessiert, die im britisch besetztem Afrika keine Seltenheit waren. Hier erkennt man den starken Einfluss von Radcliffe-Brown, der in seiner Studienzeit als „Anarchy Brown“ bekannt war.

Anfangs war Evans-Pritchard auf gesellschaftliche Beziehungen konzentriert und lehnte, wie Malinowski, die Einbindung von geschichtlichen Faktoren ab. Später änderte er seine theoretische Stellung und wurde zum Fürsprecher der Einbindung des historischen Kontextes in der anthropologischen Forschung. Er forschte im britischen Ostafrika (Azande, Nuer), erforschte und deren religiöse Einstellung und Verwandtschaftsstrukturen. Evans-Pritchard war der erste, der ein „primitives“, prälogisches Denken kritisierte. Evans-Pritchard entwickelte (in seinen späteren Jahren) die Idee von Anthropologie als „translation of culture“, d.h. so nah wie möglich an den kollektiven Geist der untersuchten Leute herankommen, und dann die fremden Ideen in äquivalente Ideen ihrer eigenen Kultur übersetzen. [3]


Geschichtlicher Kontext

Der Kolonialismus in Afrika brachte enorme Veränderungen für die lokale Bevölkerung mit sich, die zumeist negative Auswirkungen gehabt haben (Unterdrückung, Sklaverei, Ausbeutung usw.). Der damit verbundene dramatische Wandel beschäftigte ForscherInnen vermährt ab der Hochphase der britischen Kolonialzeit um 1930 (nach dem ersten Weltkrieg zogen die Deutschen und z. T. die Italiener aus dem Kolonialgebiet ab). Zur der Zeit sah sich GB veranlasst ihr Wissen in Bezug auf Afrika zu erweitern, um einerseits mit der deutschen Konkurrenz mithalten zu können, die als führende Regionalforschung (forschten auch in nicht-kolonialisierten Gebieten) ihrer Zeit anerkannt werden sollte. Andererseits war ihr Ziel auch, die Forschungen für ihre imperialen Interessen zu nutzen (ähnlich den „Nationalcharakterstudien“ in den USA), d.h. das koloniale Interesse ging dahin, bestimmte Völker zu erforschen um sie leichter zu assimilieren oder gefügig zu machen. So wurden Forschungsgelder zu Verfügung gestellt und neue Posten besetzt.

Ich denke, dass ist einer der Gründer warum Grossteil der ForscherInnen nicht gegen die überhebliche und unmenschliche Vorgehensweise des Kolonialapparates protestierte. Sie gingen auch wenig auf den Einfluss des Kolonialismus ein, der die ganze Zeit über eine große Rolle im Leben der Beforschten gespielt hat.


3. Generation: (Post-) Funktionalismus

Die Manchester School of Anthropology ist dafür bekannt, dass sie als erste in der Geschichte der britischen Anthropologie überlokale Faktoren (die des Kolonialismus) in ihre Analysen einbezog und massive Kritik an dem Kolonialismus anbrachten. Es ist eine eng verbundene Gruppe von GelhrtInnen, die zuerst ihren Sitz in Oxford, dann in Manchester und Rhodes-Livingstone Institute (RLI) hatten. Das spezielle an der Gruppe ist auch, dass sie sowohl anarchistische und marxistische, als auch funktionalistische und strukturalistische Züge aufweist. Sie konzentrieren sich, im Gegenzug zum traditionellen Formen des Funktionalismus, auf Konflikte und Prozesse und sehen - „...AkteurInnen nicht mehr bloß als ausführende Organe von Funktion und Strukturen, sonder als kreativ handelnde, und konfliktuell interagierende VertreterInnen von Interessen.“[4]

Max Gluckman und sein Schüler Victor Turner die von dem Rhodes- Livingstone Institute for Social Research in Lusaka (Sambia) aus ihre Arbeiten durchführten, kritisierten den britischen Kolonialapparat aufgrund der Zustände in der „Copperbelt“ –Region. Nachdem in der Region große Kupfer und Kobalt Vorkommen entdeckt wurden, sahen die Kolonialherren ein profitables Geschäft und bauten eine Industrie auf. Die AnthropologInnen beobachteten wie Tausende von tribalen Bauern zu Minen- und Pendlerarbeiter wurden und zwanghaft in die Industrialisierung eingebettet wurden. „Ethnologen wie Max Gluckmann und Victor Turner versuchten damals zu zeigen, dass es eine Fiktion der Klassiker wie Bronislaw Malinowski und Franz Boas war, Lokalgesellschaften so darzustellen, als wären sie ohne jede Interaktion mit einem Kolonialapparat.[5]

Ich stelle mir die Fragen ob die meisten ForscherInnen, unter ihnen die bekanntesten in der Geschichte der KSA, die Tatsache des globalen Einflusses übersahen, verdrängten oder ignorierten oder waren sich dessen so bewusst, dass sie sich deswegen auf die „alte“ Kultur konzentrierten? Vielleicht weil sie befürchteten, dass Traditionen, Bräuche, Sprachen die sie vorgefunden haben, von Generation zu Generation durch die „Zivilisierung“ verloren gehen würden?

Max Gluckman (1911 – 1975) war von der funktionalistischen Strömung beeinflusst sind, analysierte die Beziehung zwischen Stabilität und Wandel und wie Ordnung in staatenlosen Gesellschaften hergestellt werden kann. Sein Buch „Custom and Conflict in Africa(1955) ist ein wichtiger Beitrag zur Ethnizitäts- und Konfliktforschung. Durch seine entscheidende Arbeit im Rhodes-Livingstone Institute for Social Research wurde er in die Manchester School of Anthropology berufen und etablierte von dort aus mit seinen KollegInnen die post-funktionalistische Strömung.

Victor Turner (1920-1983) arbeitete mit Max Gluckman zusammen, fokussierte seine Forschungen aber auf Rituale und Symbolik der Ndembu (Zambia) und war eher strukturalfunktionalistisch orientiert. Turner (stark beeinflusst von Arnold van Ganneps „Übergangsriten“) geht auf rituelle Prozesse ein und beschreibt einen umstrukturierten Grenzbereich, der sich in Form und Inhalt vom normalen Alltag eines Individuums abhebt. Auch beobachtet er in der „Copperbelt“-Region die Veränderung der Symbole, die die „Detribalisierung“ mit sich brachte. Seine Theorie über die religiöse Liminalität geht davon aus, dass gerade in einer Zeit der Veränderung und des Wandels, die immer mit Ungewissheit verbunden ist, Symbole und Rituale angewendet werden um sich der Unsicherheit im Alltag zu entziehen. Er behautet, dass die TeilnehmerInnen eines Rituals, welches mit Musik und Tanz begleitet wird, gemeinsam eine neue Identität schaffen können. Je kontrastreicher diese neue Identität zum normalen Alltag ist, desto intensivier wird sie. In dieser rituellen Gemeinschaftlichkeit, die Turner als „Communitas“ bezeichnet, sind alle TeilnehmerInnen hierarchisch gleichgestellt und können Dinge tun, die innerhalb der Gesellschaft nicht erlaubt wären.[6] Durch diesen Beitrag („Schism and Continuity in an African Society“, 1957) wurde er zu einem wichtigen Vertreter der symbolischen Anthropologie ( wie Edmund Leach).

An Turners Herangehensweise und Interpretation erkennt man Spuren des marxistischen Ansatzes: „...The base consists of elements of a social formation (the Marxist term for ‚society’) which are closely related to production, such as subsistence technology, settlement, patterns, and exchange relation. The superstructure consists of things which are more distant from production, such as ritual and religious belief. [7]


Feminismus in der Anthropologie

Es gab einige Forscherinnen im frühen 19.Jh., die sich aber von den Forschungen der Männer nicht unterschieden. Frauen galten aus der Sicht der anthropologischen Forscher nicht als wichtige Akeurinnen eines sozialen Gefüges sonder sind immer nebenbei erwähnt worden, wenn überhaupt. Erst in den 1970ern gelang der Genderforschung der Durchbruch in der Anthropologie.

Audrey Richards (1899-1984) forschte ebenfalls im damaligen Nordrhodesien und beschäftigte sich u.a. mit der Stellung der Frau in der Gesellschaft und war somit die Vorreiterin ihrer Zeit. (Ihre Arbeit „Hounger and Work in a Savage Tribe“ legte den Grundbaustein für die „medical anthropology“.)


Quellenangabe

1 Wörterbuch der Völkerkunde. Reimer Verlag. Berlin 1999.

4 Gingrich, Andre: Erkundungen. Kap.: Wege zur transkulturellen Analyse. Böhlau Verlag. Wien 1999.

5 Gingrich, Andre: Soziale Verstrickungen. Interview. http://www.falter.at/heureka/archiv/02_3/06.php, (20.11.05).

6 Turner, Victor: http://de.wikipedia.org/wiki/Victor_Turner, (20.11.05).


Barnard, Alan: History and Theory in Anthropology. Cambridge University Press. Edinburgh. 2000.


[1] Vgl. Wörterbuch der Völkerkunde (1999): 138

[2] vgl. Barnard (2000): 183

[3] vgl. Barnard (2000): 160

[7] vgl. Barnard (2000): 88

2. Essay: Boas und seine Gefolgschaft

Boas und seine Gefolgschaft

Während des Weltkrieges unterzog sich die Kulturanthropologie einem Paradigmenwechsel und die alteingesessene evolutionistische Theorie vom Thron gedrängt wurde.
Aufgrund empirischer Feldforschung wurde in den USA der Kulturrelativismus entwickelt, der bis kurz nach dem Weltkrieg den Kulturanthropologischen Diskurs dominierte.


Der Beginn des Kulturrelativismus

Franz BOAS (1858-1942) stammte aus einer jüdisch-deutschen Familie ab. Anfangs studierte er Physik und Chemie, ging dann über auf das Geografiestudium, im Rahmen dessen er zu den Inuit nach Kanada reiste. Diese Reise brachte eine Begeisterung für die Anthropologie mit sich.

Aus einer anti-rassistischen Grundhaltung heraus etablierte er den Kulturrelativismus in der amerikanischen „culture anthropology“. Nachdem er bei den indianischen Wildbeutlergesellschaften „Potlach“ und „Kwakiutl“ im vegetationsreichen Nordwesten der USA war, entgegnete er dem Evolutionismus mit starker Kritik und erklärte die bis dahin herrschende Theorie mit einschlägigen Beweisen als obsolet. Boas vertrat den historischen Partikularismus, der besagt dass jede Kultur ihre eigene einzigartige Geschichte hat, die gesondert zu untersuchen sei. ¹

Franz Boas versuchte, so nah wie möglich an die Lokalkultur heranzukommen. Er begab sich in Feld, lernte Lokalsprache und wollte die Kultur so Präsentieren wie sie von den Mitgliedern selbst verstanden wird. Somit determinierte Boas, dass jede Kultur relativ und aus sich selbst heraus beschreibbar und verständlich sei. Sie bilde eine in sich geschlossene Ganzheit (Holismus), die von außen kaum verständlich sei. 2 Diese extreme Grundhaltung macht den „starken“ Kulturrelativismus aus. Doch das positive an seiner Theorie ist, dass Vergleiche und Wertungen der Kulturen verweigert werden, dh. Kulturen sind einander ebenbürtig und nicht wie im Evolutionismus in nieder und höhere Kasten eingeteilt.

Die Kultur sei wie Sprache, behauptete Boas, die zu erlernen sei, ansonsten könne die Kultur nicht verstanden werden. Dieser Grundsatz wurde von seinen Schüler Edward Sapir und Benjamin Lee Whorf aufgegriffen und bestärkt. Diese behaupteten die Sprache sei so stark, dass sie das Denken beeinflusse und nicht umgekehrt. B.L.Whorf führte dann die „linguistische Relativitätstheorie“ ein: Die Wahrnehmung der Wirklichkeit (Universum, Raum und Zeit,...) sei durch Sprache bedingt und dadurch relativ. ²

Die Wahrnehmung ist von Mensch zu Mensch verschieden, und somit kann es keine allgemeingültige Wirklichkeit geben. Doch die Wahrnehmung des Menschen ist nicht nur durch die Sprache beeinflusst, sonder durch viel mehr Faktoren, die von Geburt an auf den Menschen einwirken und sein Denkvermögen prägen.

Zu dieser Annahme gelangte auch Gregory Bateson (1904-1980), der die „ethnoscience“ auf die Grundthese von Sapir und Whorf aufbaute. Dies führte zur interdisziplinären „cognitive science“, die Psychologie, Neurophysiologie, Linguistik, Systemtheorie und Anthropologie heute noch vereint. Diese gehört zur weichen Form des Kulturrelativismus und zur zeitgenössischen nordamerikanischen „cultural anthropology“. ³

Die Sprache ist wichtig und sagt auch viel über die jeweilige Kultur aus, vor allem ist sie ein Kommunikationsinstrument und des Weiteren ein Ausdrucksmittel. Deshalb ist das erlernen einer oder mehrerer Sprachen ein Teil des anthropologischen Studiums.
Die „linguistische Relativitätstheorie“ ist zu radikal und führt in der anthropologischen Forschung zu einer Bewegungsstarrheit, vor allem in sprachvielfältigen Gebieten. Grenzen zwischen den Kulturen werden so unüberbrückbar. 4

Durch seine weiteren Studien erkannte Boas, dass alle Kultur gleich sind doch der Kontext aus der sie stammen ließe sie von einander unterscheiden. Neben der Sprache, den Wertvorstellungen und Normen der Lokalkulturen wären weitere Faktoren zum Verständnis der Kultur, wie zB die Umweltbedingungen und Kunst, von großer Bedeutung seien. Somit entwickelte er die, in der amerikanischen Anthropologie revolutionäre „four field approach“, bestehend aus Archäologie, Linguistik, Kulturanthropologie und Physiologie.5
Dieser interdisziplinäre Verbund erwies sich als eine positive Entwicklung, die in den USA bis heute Bestand hat.

Der extreme Kulturrelativismus wir auch in der „culture and personality school“ fortgesetzt, dessen Folge als Eklat in die Geschichte der Kulturanthropologie eingeht.
Diese führt mich zu Ruth Benedict (1887-1948) und Margaret Mead (1901-1978). Beide sind Schülerinnen von Boas der zweiten Generation. Sie schrieben die populärsten wissenschaftlichen Bestseller des 20. Jahrhunderts.
Ruth Benedicts „Pattern of Culture“ (1934) ist ein Plädoyer für kulturelle Vielfalt. Sie behauptet, das menschliche Verhalten sei Kulturbedingt und Normalität sei das, was eine Kultur für sich als Normal definiere. In diesem Buch wirft sie die Frage auf, wie kulturelle Vielfalt entsteht. Sie geht davon aus, dass es eine Vielzahl an kulturellen Elementen gäbe, die sich eine Kultur aussuchen für sich neu definieren könne. So beschreibt sie bestimmte „pattern“ anhand der Werke von Nietzsche und Freud, mit denen jede Kultur definiert werden könne: apollinisch, dionysisch, paranoid und megalomanisch.
Diese Studie führte letztendlich dazu, dass sie für die OWI (Office of war Information) der US-Regierung „Nationalcharakterstudien“ über die Japaner machte, die dazu gedient haben, den Feind besser abschätzen zu können. Diese Studie ist 1946 als Buch unter dem Titel „The Crysanthemum and the Sword“ erschienen. 6

Margaret Meads berühmtes Werk „Coming of Age in Samoa“ (1928) behandelt die Frage, ob Pubertät zwangsläufig eine dramatische Phase ist (genetisch bedingt) oder ob sie kulturell bedingt ist. Die pubertierenden SamoanerInnen durchlegen eine Zeit des seelischen Friedens, sexueller Genuss steht im Vordergrund, uneheliche Kinder seine kein Problem und die Samoaner gehen Konflikten prinzipiell aus dem Weg.
Meads wendet sich mit diesem Buch an die amerikanische Gesellschaft, und appelliert, dass ein besseres und schöneres Leben möglich wäre, wenn sie sich ein Beispiel an der samoanischen Kultur nehmen würden.
Die methodische Herangehensweise von Mead wurde später stark kritisiert, vor allem von Derek Freeman, der nach ihrer Zeit auf Samoa forschte. Abgesehen davon, dass sie während ihrer Feldforschung bei einer amerikanischen Familie lebte, hatte sie nur drei Monate Zeit ihre empirischen Arbeiten durchzuführen. Sie befragte nur wenige Mädchen und machte keine Aussagenüberprüfung. 7

„Kultur sei ein integrales, kohärentes, relativ unabänderliches Ganzes, dass nur von Angehörigen dieser Kultur, aber kaum von Außenstehenden verstanden werden könne“.8 Wenn Kulturen einander nicht verstehen können, dann ist es wohl besser, wenn sie einander aus dem Weg gehen. Diese Behauptung der „culture and personality school“ wurde von den politischen Rechten aufgegriffen, die ihre radikale Haltung nur bestärkte. 9

Obwohl Boas, Mead und Benedict sich als Anti-Faschisten und Anti-Kolonialisten präsentierten, wurden sie oft von der gegnerischen Seite für ihre Argumente missbraucht.
Boas, angeblich in deutschen nationalistischen Organisationen aktiv gewesen, ermutigte seine Schülerinnen Mead und Benedict ihre Studien im Dienste der Nation zu führen. 10

Es wird auch nachgesagt, Boas sei kein begeisterter Feldforscher gewesen. Vielleicht ist einer der Gründe für die Entstehung des extremen Kulturrelativismus der, dass es nicht geschafft hat an die beforschten Personen heranzukommen.

„Ein Konzept von Kultur als homogener Ganzheit, die über wenige Schlüsselsymbole integriert ist und nur für ihre Angehörigen Sinn macht, ist seit fast einem halben Jahrhundert wissenschaftlich völlig überholt“.11

Trotz der prekären Verhältnisse, war der Kulturrelativismus eine positive Entwicklung nach dem Evolutionismus. Eine interessante Persönlichkeit dazu möchte ich noch einbringen.

Eric Wolf (1923-1999) floh aufgrund des Nationalsozialismus von Wien in die USA. Auf der Seite der Alliierten war er als Soldat in Südtirol, wo er 1960 wieder hinreiste, diesmal aber als Anthropologe. Der Konflikt zwischen Südtirol und Trentiono war der Anlass dafür und das Ergebnis war das Werk „peasants“ 1966.
In den USA studierte er u.a. bei Ruth Benedict und Julian Steward. Von Steward stark beeinflusst vertrat er den kulturellen Materialismus. Seine Arbeiten gelten als wichtiger Beitrag zu transnationalen Beziehungen und Globalisierung. 12

Im heutigen Diskurs nimmt der Kulturrelativismus eine interessante Position ein, wenn es um die Menschenrechtsfrage geht. Wenn alle Kulturen unterschiedlich sind, wie können dann universelle Werte wie die Menschenrechte eine Gültigkeit haben? Wer bestimmt die allgemeingültigen Menschrechte? Der Kulturrelativismus lehnt die Menschenrechte einerseits deswegen ab, weil der Kulturrelativismus prinzipiell universelle Werte ablehnt, anderseits, weil die Menschenrechte ein euro-amerikanisches Konstrukt sind. 13



³ vgl. Gingrich (1999): S. 182
6 vgl. Silverman (2005): S. 268
7 vgl. Silverman (2005): S. 269
9 vgl. Gingrich (1999): S. 180-181
10 vgl. Silverman (2005): S. 269

¹ http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/franz_boas.html (10.01.06)
² ( http://santana.uni-muenster.de/Linguistik/user/steiner/semindex/sapir.html) (10.01.06)
³ Gingrich, Andre: Erkundungen. Kap.: Wege zur transkulturellen Analyse. Böhlau Verlag. Wien 1999.
4 Gingrich, Andre: Vorlesung Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie (14.12.05)
5 Gingrich, Andre: Vorlesung Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie (14.12.05)
6 Silverman, Sydel: One Discipline, Four Ways. The University of Chicago Press. Chicago 2005
7 Silverman, Sydel: One Discipline, Four Ways. The University of Chicago Press. Chicago 2005
8 Gingrich, Andre: Erkundungen. Kap.: Wege zur transkulturellen Analyse. Böhlau Verlag. Wien 1999
9 Gingrich, Andre: Erkundungen. Kap.: Wege zur transkulturellen Analyse. Böhlau Verlag. Wien 1999
10Silverman, Sydel: One Discipline, Four Ways. The University of Chicago Press. Chicago 2005
11Gingrich, Andre: Erkundungen. Kap.: Wege zur transkulturellen Analyse. Böhlau Verlag. Wien 1999
12 http://homepage.univie.ac.at/franz.martin.wimmer/diplthaler.pdf (11.01.06)
13 http://www.oeku.net/cp/theogrundlagen/theogrundlagen-243.html (12.01.06)