1. Essay: Spätfunktionalismus und Marxismus
Fragestellung
Welche neuen Schwerpunkte setzten die nachfolgenden Generationen der funktionalistischen Schule? Wie sind die neuen Fragestellung mit vorherrschenden politischen und gesellschaftlichen Prozessen jener Zeit in Bezug zu setzten?
Anthropologischer Kontext
In der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen bildete sich aus der Kritik der Feldforschung der britische Funktionalismus. Funktionalismus ist die Betrachtung soziokultureller Erscheinungen unter dem Gesichtspunkt ihrer Funktion. [1] Im Gegenzug zum Evolutionismus werden historische Hintergründer vollkommen außer Acht gelassen.
Die Begründer dieser Strömung sind Malinowski (1884-1942) und Radcliffe-Brown (1881-1955). Malinowskis revolutionäres Konzept der Feldforschung oder „Teilnehmende Beobachtung“ wurde zu dem Grundbaustein unseres Faches. Während sich Malinowski starr mit den Funktionen innerhalb einer Gesellschaft beschäftigt, stützt sich Radcliffe-Brown auf das Durkheim’ische „segmentäre Modell“, d.h. die Gesellschaft ist klar strukturiert und die Struktur wird aus einzelnen Segmenten (Funktionen) gebildet. Seine Richtung wird Struktural-Funktionalismus genannt.
„However, functionalist methodology remains the basis of anthropological fieldwork. As Edmund Leach used to say, all anthropologists are functionalists when in the field,…”.[2]
2.Generation des Funktionalismus
In Bezug auf den modernen Funktionalismus sind Edward E. Evans-Pritchard (1902-1973), Raymond Firth (1901-2002) und Meyer Fortes (1906-1983) zu erwähnen. Sie hatten eine Sympathie zum Anarchismus und Marxismus und waren aus diesen Gründen sehr an dem Ordnungssystem akephaler Gesellschaften interessiert, die im britisch besetztem Afrika keine Seltenheit waren. Hier erkennt man den starken Einfluss von Radcliffe-Brown, der in seiner Studienzeit als „Anarchy Brown“ bekannt war.
Anfangs war Evans-Pritchard auf gesellschaftliche Beziehungen konzentriert und lehnte, wie Malinowski, die Einbindung von geschichtlichen Faktoren ab. Später änderte er seine theoretische Stellung und wurde zum Fürsprecher der Einbindung des historischen Kontextes in der anthropologischen Forschung. Er forschte im britischen Ostafrika (Azande, Nuer), erforschte und deren religiöse Einstellung und Verwandtschaftsstrukturen. Evans-Pritchard war der erste, der ein „primitives“, prälogisches Denken kritisierte. Evans-Pritchard entwickelte (in seinen späteren Jahren) die Idee von Anthropologie als „translation of culture“, d.h. so nah wie möglich an den kollektiven Geist der untersuchten Leute herankommen, und dann die fremden Ideen in äquivalente Ideen ihrer eigenen Kultur übersetzen. [3]
Geschichtlicher Kontext
Der Kolonialismus in Afrika brachte enorme Veränderungen für die lokale Bevölkerung mit sich, die zumeist negative Auswirkungen gehabt haben (Unterdrückung, Sklaverei, Ausbeutung usw.). Der damit verbundene dramatische Wandel beschäftigte ForscherInnen vermährt ab der Hochphase der britischen Kolonialzeit um 1930 (nach dem ersten Weltkrieg zogen die Deutschen und z. T. die Italiener aus dem Kolonialgebiet ab). Zur der Zeit sah sich GB veranlasst ihr Wissen in Bezug auf Afrika zu erweitern, um einerseits mit der deutschen Konkurrenz mithalten zu können, die als führende Regionalforschung (forschten auch in nicht-kolonialisierten Gebieten) ihrer Zeit anerkannt werden sollte. Andererseits war ihr Ziel auch, die Forschungen für ihre imperialen Interessen zu nutzen (ähnlich den „Nationalcharakterstudien“ in den USA), d.h. das koloniale Interesse ging dahin, bestimmte Völker zu erforschen um sie leichter zu assimilieren oder gefügig zu machen. So wurden Forschungsgelder zu Verfügung gestellt und neue Posten besetzt.
Ich denke, dass ist einer der Gründer warum Grossteil der ForscherInnen nicht gegen die überhebliche und unmenschliche Vorgehensweise des Kolonialapparates protestierte.
3. Generation: (Post-) Funktionalismus
Die Manchester School of Anthropology ist dafür bekannt, dass sie als erste in der Geschichte der britischen Anthropologie überlokale Faktoren (die des Kolonialismus) in ihre Analysen einbezog und massive Kritik an dem Kolonialismus anbrachten. Es ist eine eng verbundene Gruppe von GelhrtInnen, die zuerst ihren Sitz in Oxford, dann in Manchester und Rhodes-Livingstone Institute (RLI) hatten. Das spezielle an der Gruppe ist auch, dass sie
Max Gluckman und sein Schüler Victor Turner die von dem Rhodes- Livingstone Institute for Social Research in Lusaka (Sambia) aus ihre Arbeiten durchführten, kritisierten den britischen Kolonialapparat aufgrund der Zustände in der „Copperbelt“ –Region. Nachdem in der Region große Kupfer und Kobalt Vorkommen entdeckt wurden, sahen die Kolonialherren ein profitables Geschäft und bauten eine Industrie auf. Die AnthropologInnen beobachteten wie Tausende von tribalen Bauern zu Minen- und Pendlerarbeiter wurden und zwanghaft in die Industrialisierung eingebettet wurden. „Ethnologen wie Max Gluckmann und Victor Turner versuchten damals zu zeigen, dass es eine Fiktion der Klassiker wie Bronislaw Malinowski und Franz Boas war, Lokalgesellschaften so darzustellen, als wären sie ohne jede Interaktion mit einem Kolonialapparat.“ [5]
Ich stelle mir die Fragen ob die meisten ForscherInnen, unter ihnen die bekanntesten in der Geschichte der KSA, die Tatsache des globalen Einflusses übersahen, verdrängten oder ignorierten oder waren sich dessen so bewusst, dass sie sich deswegen auf die „alte“ Kultur konzentrierten? Vielleicht weil sie befürchteten, dass Traditionen, Bräuche, Sprachen die sie vorgefunden haben, von Generation zu Generation durch die „Zivilisierung“ verloren gehen würden?
Max Gluckman (1911 – 1975) war von der funktionalistischen Strömung beeinflusst sind, analysierte die Beziehung zwischen Stabilität und Wandel und wie Ordnung in staatenlosen Gesellschaften hergestellt werden kann. Sein Buch „Custom and Conflict in Africa“ (1955) ist ein wichtiger Beitrag zur Ethnizitäts- und Konfliktforschung. Durch seine entscheidende Arbeit im Rhodes-Livingstone Institute for Social Research wurde er in die Manchester School of Anthropology berufen und etablierte von dort aus mit seinen KollegInnen die post-funktionalistische Strömung.
Victor Turner (1920-1983) arbeitete mit Max Gluckman zusammen, fokussierte seine Forschungen aber auf Rituale und Symbolik der Ndembu (Zambia) und war eher strukturalfunktionalistisch orientiert. Turner (stark beeinflusst von Arnold van Ganneps „Übergangsriten“) geht auf rituelle Prozesse ein und beschreibt einen umstrukturierten Grenzbereich, der sich in Form und Inhalt vom normalen Alltag eines Individuums abhebt. Auch beobachtet er in der „Copperbelt“-Region die Veränderung der Symbole, die die „Detribalisierung“ mit sich brachte. Seine Theorie über die religiöse Liminalität geht davon aus, dass gerade in einer Zeit der Veränderung und des Wandels, die immer mit Ungewissheit verbunden ist, Symbole und Rituale angewendet werden um sich der Unsicherheit im Alltag zu entziehen. Er behautet, dass die TeilnehmerInnen eines Rituals, welches mit Musik und Tanz begleitet wird, gemeinsam eine neue Identität schaffen können. Je kontrastreicher diese neue Identität zum normalen Alltag ist, desto intensivier wird sie. In dieser rituellen Gemeinschaftlichkeit, die Turner als „Communitas“ bezeichnet, sind alle TeilnehmerInnen hierarchisch gleichgestellt und können Dinge tun, die innerhalb der Gesellschaft nicht erlaubt wären.[6] Durch diesen Beitrag („Schism and Continuity in an African Society“, 1957) wurde er zu einem wichtigen Vertreter der symbolischen Anthropologie ( wie Edmund Leach).
An Turners Herangehensweise und Interpretation erkennt man Spuren des marxistischen Ansatzes: „...The base consists of elements of a social formation (the Marxist term for ‚society’) which are closely related to production, such as subsistence technology, settlement, patterns, and exchange relation. The superstructure consists of things which are more distant from production, such as ritual and religious belief. [7]
Feminismus in der Anthropologie
Es gab einige Forscherinnen im frühen 19.Jh., die sich aber von den Forschungen der Männer nicht unterschieden. Frauen galten aus der Sicht der anthropologischen Forscher nicht als wichtige Akeurinnen eines sozialen Gefüges sonder sind immer nebenbei erwähnt worden, wenn überhaupt. Erst in den 1970ern gelang der Genderforschung der Durchbruch in der Anthropologie.
Audrey Richards (1899-1984) forschte ebenfalls im damaligen Nordrhodesien und beschäftigte sich u.a. mit der Stellung der Frau in der Gesellschaft und war somit die Vorreiterin ihrer Zeit. (Ihre Arbeit „Hounger and Work in a Savage Tribe“ legte den Grundbaustein für die „medical anthropology“.)
Quellenangabe
1 Wörterbuch der Völkerkunde. Reimer Verlag. Berlin 1999.
4 Gingrich, Andre: Erkundungen. Kap.: Wege zur transkulturellen Analyse. Böhlau Verlag. Wien 1999.
5 Gingrich, Andre: Soziale Verstrickungen. Interview. http://www.falter.at/heureka/archiv/02_3/06.php, (20.11.05).
6 Turner, Victor: http://de.wikipedia.org/wiki/Victor_Turner, (20.11.05).
Barnard, Alan: History and Theory in Anthropology. Cambridge University Press. Edinburgh. 2000.
